Die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rapucation erfolgte im Jahr 2007 mit Robin Haefs‘ Abschlussarbeit seines Studiengangs „Multimedia Arts“ an der SAE Berlin. Es folgt eine Zusammenfassung der wesentlichen Überlegungen.
Die komplette 98-seitige Studie kann beim Diplomica Verlag als eBook oder bei Amazon als broschierte Druckversion erworben werden. Schülern und Studenten senden wir bei Nachweis eine kostenlose PDF-Version zu, schreibt uns einfach an!

 
 

Robin Haefs: Rapucation

Vermittlung von Unterrichtsinhalten durch Rapmusik im Versuch mit 5. und 6. Klassen in Berlin (Honours Work)

 

Lernen durch Identifikation

Grundlage der Arbeit ist die Annahme, dass die Identifikation mit dem Lehrenden bzw. dem Lernmaterial für die Aneignung von Wissen und Kompetenzen eine große Rolle spielt. Der Pädagogik-Professor Karl-Heinz Flechsig schreibt, dass Schüler "nicht selten [...] etwas besser verstehen, wenn sie es nicht vom Lehrer, sondern [...] von anderen Schülern, Studenten oder Erwachsenen erklärt bekommen [...] mit denen sie in ihrer eigenen Sprache kommunizieren können".
Die Sprache der Jugend findet sich heute in einer der beliebtesten Musikrichtung unserer Zielgruppe wieder: deutschsprachiger Rap. Im Rahmen unseres Feldversuchs bewerteten 83,0 Prozent der Kinder Rapmusik im Allgemeinen mit der Schulnote 1 oder 2.

 

Eselsbrücke als historisches Vorbild

Die Idee, speziell aufbereitete Rapmusik als Lernmedium herzustellen, gründet u. a. auf dem Phänomen der Eselsbrücke. Diese Mnemotechnik wird seit Jahrzehnten benutzt, um mit Hilfe von Reimstrukturen und emotionalen Assoziationen die Merkbarkeit bestimmter Inhalte zu erleichtern.
Im konkreten Fall von Rapsongs können die Fakten zusätzlich in einen logischen inhaltlichen Aufbau eingebettet sein. Die raptypische Songstruktur mit Strophen, Refrains und Zwischenteilen sowie die Verbindung zwischen Musik und Sprachfluss können ebenso helfen, das Einprägen von unterrichtsrelevantem Wissen auf attraktive Weise zu erhöhen.

 

Identifikation durch Authentizität

Natürlich existiert bereits eine Vielzahl von Versuchen, Wissen in Form von Rapmusik zu vermitteln. Problematisch dabei ist, dass die Autoren meist nicht der Szene entstammen und somit nicht in der Lage sind, qualitativ gute und authentische Rapmusik zu produzieren. Die Macher des Rapucation-Projekts veröffentlichten als Künstler unzählige "reguläre" Songs.
Da davon ausgegangen wird, dass Identifikation mit einem Lernmediums auch durch seine Authentizität hergestellt wird, werden für einen Feldversuch vier Songs nach einer strengen Vorgabe produziert: Die Tracks sollen in erster Linie als ganz normale Rapmusik wahrgenommen werden. Die Vermittlung von Fakten und auch Kompetenzen darf nicht vordergründig als "schulisch" erkennbar sein. Dabei soll trotzdem auf eine kindgerechte Sprache geachtet werden.

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Robin Haefs bei einer Präsentation seiner Arbeit mit Negativ-Beispiel in Sachen Authentizität (2007)

 

Songproduktion

Inhaltlich orientieren sich die Songs an den Berliner Rahmenlehrplänen der 5. und 6. Jahrgangsstufen. Die produzierten Tracks sind „Europa“ mit dem Thema Länder und Hauptstädte, „Fotosynthese“ beschäftigt sich mit der Entdeckung der Fotosyntheseformel. „Unser Berlin“ beinhaltet sowohl aktuelle Daten als auch historische Fakten und Besonderheiten der Hauptstadt. Der Song „Mutter Erde“ beinhaltet die Beschaffenheit und wesentlichen Merkmale unserer Erde. Dabei wird auf die Problematik des Treibhauseffektes hingewiesen.
Ähnlich wie bei Film- und Hörspielmusik wird der Inhalt der Texte durch den Sound unterstützt und begleitet. Zum Beispiel wird bei „Mutter Erde“ die Weite des Weltraums durch Soundeffekte wie Hall und Echo symbolisiert.

 

Feldversuch mit 700 Kindern

Um zu beweisen, dass aus der Rezeption der Rapucation-Songs ein Lerneffekt resultiert, wird im Frühjahr 2007 ein Feldversuch durchgeführt. Jeweils drei Klassen an elf Berliner Grundschulen nehmen hieran teil.
Alle 696 Kinder schreiben am Ende des Versuchs den gleichen Test, wobei die Schüler/innen unterschiedlich auf die Fragen vorbereitet werden. Jeweils eine Klasse fungiert als Kontrollgruppe (X-Klassen), die im Vorfeld keinerlei Lernmaterial erhält. Die Schüler/innen der zweiten Klasse (T-Klassen) erhalten Arbeitsblätter, die die gleichen Informationen beinhalten wie die Rapsongs, die den Kindern der dritten Klasse (R-Klassen) zur Verfügung gestellt werden.

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Kinder einer am Feldversuch teilnehmenden Klasse der Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg (2007)

 

Bewiesener Lerneffekt

Im Gesamtvergleich beantworten die Kinder der T- und R-Klassen fast gleich viele Fragen richtig, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass die Kinder aufgrund der gegenwärtigen Lehrmethoden geübter im Umgang mit Arbeitsblättern sind. Ein gemeinsamer Abstand zu den X-Klassen ist deutlich zu erkennen. Dies beweist, dass es grundsätzlich möglich ist, mit Rap zu lernen.

 

Attraktivität als Lernhilfe

Die Kinder der R-Klassen sind zusätzlich aufgefordert, die Rapucation-Songs nach dem Schulnotensystem zu bewerten. Über 83 Prozent benoten die Lieder mit einer 1 oder 2.

Auch die auf dem Test vermerkten Kommentare der Kinder machen deutlich, dass die Rezeption von Rapucation-Songs eine attraktive Lernmethode darstellt. Hier eine kleine Auswahl:

"Ich fand die CD sehr schön! Und sie hat keine Ausdrücke wie bei anderen Raps!"

"Ich finde die Lieder sehr hilfreich beim Lernen. Man hört coole Musik und lernt noch etwas dazu."

"Sie ist voll cool! Ich hab sie mir fast immer in der Freizeit angehört."

"Das ist besser als Bushido, da kann man was lernen!"

"Obwohl ich Rap und Hip Hop nicht so mag, hat es mir sehr gut gefallen."